Migräne

Migräne bezeichnet periodisch auftretende Attacken von Kopfschmerzen mit Begleitsymptomen. Bei einigen Patienten gehen der Attacke Vorläufersymptome voraus. Dies wird Aura genannt.

Typen

Man unterscheidet Migräne ohne Aura, Migräne mit Aura sowie komplizierte Migräne und kindliche Migräne.

Ursachen

Wahrscheinlich kommt es auf der Grundlage von entzündlichen Veränderungen an der Gefäßwand, die teilweise auch neurogen ausgelöst sein können, zur Entstehung von Migränekopfschmerz. Substanzen, die zu einer Verengung der Gefäße und gleichzeitiger Entzündungshemmung führen, sind deshalb besonders wirksam.

Tiermodell und Wirkmechanismen

Versuche an Tieren haben gezeigt, dass besonders die Nervenfasern des Trigeminusnervs und des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus und Nervus facialis), die Arterien des Gerhirns und der Hirnhaut versorgen. Zusätzlich gibt es schmerzleitende Nervenfasern, die über die oberen Nervenwurzeln der Halswirbelsäule zu den Kernen des Trigeminusnervs im Hirnstamm geleitet werden. Durch Reizung von Fasern dieser Nerven kommt es an den Arterien und Venen zu Veränderungen, die einer Migräne entsprechen. So erweitern sich die Arterien der Hirnhaut und auch kleine Venen werden erweitert. Die Durchlässigkeit der Gefäße wird erhöht, Proteine aus Zellen, die im Blut vorhanden sind, treten aus. Überträgerstoffe von Schmerzfasern werden stimuliert. Eine neurogene Entzündung mit Gefäßerweiterung ist entstanden. Diese Phänomene werden durch Schmerzfasern an das Gehirn vermittelt und lösen im Bewusstsein das Erleben einer Migräne aus. Mit migränespezifischen Medikamenten (Sumatriptane) und auch mit Ergotaminen lassen sich die durch Reizung von Trigeminusfasern ausgelösten verstärkten Durchblutungen der Hirnhaut und des Gehirns hemmen. Auch das für die Schmerzmodulierung wichtige Calcitonin genbezogene Peptid (Calcitonin Gene Related Peptide CGRP) wird durch die Substanzen normalisiert. Diese Erkenntnisse aus Tiermodellen lassen ähnliche Wirkmechanismen für die menschliche Migräne annehmen.

Beschwerden

Migräneattacken und Migränekopfschmerzen laufen individuell unterschiedlich ab. Stärke und Art variieren. Migränen beginnen meist ohne Aura mit einer Art Druckgefühl über einer Kopfhälfte oder in der Augenregion. Häufig sitzt der Schmerz auch im Schulter- oder oberen Nackenbereich. Es kommt zur Verstärkung. Der Schmerz kann hämmernd, klopfend, bohrend und pulsierend sein oder auch dumpf zunehmend. Der Schmerz ist mit einem starken Unwohlsein verbunden. Konzentration und Aufmerksamkeit auf die Umgebung fallen schwer. Es entwickelt sich Übelkeit. Die Arbeitsfähigkeit ist vermindert oder fast nicht gegeben. Die Gesichtsfarbe wird blass oder rötlich, Hände und Füße sind schlecht durchblutet, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Empfindlichkeit auf andere Reize und eine soziale Empfindlichkeit entstehen. Ruhe, Rückzug, Verdunklung, Lärmvermeidung werden gesucht. Körperliche Belastung, Husten, Niesen, Kopfbewegungen verstärken den Kopfschmerz in massiver Weise. Häufig kommt es zu Erbrechen und auch zu Geruchsüberempfindlichkeit.

Bei der Migräne mit Aura kommt es vor dem Schmerzbeginn zu Ausfallserscheinungen. Es treten Sehstörungen oder Sehen von Blitzen, Lichtern, Ringen, Kreisen oder Zacken auf. Auch können im Gesichtsfeld oft eine Hälfte oder Teile des Gesichtsfeldes nicht richtig wahrgenommen werden. Auch Lähmungen, Drehschwindel, Doppelbilder können als Aura oder Vorläufersymptome einer Kopfschmerzattacke auftreten. Die Vorläufersymptome (Aura) entwickeln sich innerhalb von Minuten und dauern meist nicht länger als 1 Stunde. Häufig kommt es zum überlappenden Übergang von Aurasymptomen in den Kopfschmerz. Die Aurasymptome werden mit Beginn des Kopfschmerzes deutlich weniger oder verschwinden.

Bei der komplizierten Migräne bleiben die Ausfallserscheinungen bestehen und man kann in seltenen Fällen in der Computertomographie oder Kernspintomographie kleinere Schädigungen der Hirnsubstanz durch Sauerstoffminderversorgung feststellen.

Diagnostik

Die Diagnose erfolgt im überwiegenden Maße durch die Schilderung des Anfallsablaufs, der Symptome und muss hier abgegrenzt werden gegen Spannungskopfschmerz, Cluster-Kopfschmerz, neuralgische Kopfschmerztypen oder auch arzneimittelinduzierten Kopfschmerz. Elektroenzephalographie (EEG) und Hirnpotentiale und ggf. Kernspintomographie zum Ausschluss gegenüber anderen Erkrankungen mit ähnlichen Ausfallserscheinungen sind notwendig. Die Untersuchungen erfolgen durch Neurologen.

Auslösefaktoren für Migräne

Verhalten und Umwelt können einen Migräneanfall auslösen, wie beispielsweise verqualmte Räume, Höhe, Kälte, Flackerlicht und Lärm. Schlafmangel, zu viel Schlaf bzw. Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Stress und Sorgen, körperliche Anstrengung, sportliche Aktivität mit Hochleistung, Hunger, Erwartungsängste, Entlastung nach Stress, Wochenendmigräne, Zeitverschiebungen. Hormonelle Faktoren spielen bei der Entstehung von Migräneattacken eine Rolle. Menstruation (Regelblutung), Eisprung, Verhütungsmittel ("Pille").

Zahlreiche Substanzen können Migräne auslösen, besonders Alkohol und Rotwein. Südfrüchte, Kakao (Schokolade) kakaohaltige Getränke und andere. Käsesorten, Glutamat, Nitrit, Salz, selten auch Fettspeisen.

Bluthochdruck (Hypertonie) als auch niedriger Blutdruck (Hypotonie) können zu erhöhter Migränehäufigkeit führen. Überlastungen der oberen Halswirbelsäule, Massage, Wärmeanwendungen, Medikamente wie Nitroglyzerin und Kalziumantagonisten lösen ebenfalls Migräneanfälle aus.

Seltene Faktoren zur Auslösung des Migräneanfalls sind: Luftfeuchtigkeit, Überdosis Vitamin A, kalte Speisen, Lesen, Gerüche, Parfum sowie Neonlichtbeleuchtung und allergische Reaktionen.

Seltene Beschwerden

Kurzatmigkeit, Schluckbeschwerden, Kloßgefühl, Schwäche, Völlegefühl, Abgeschlagenheit, Mattigkeit, Reizbarkeit, Grübelei, innere Unruhe, Schlafbedürfnis, Zittern, Nacken-Schultern-Schmerzen, Rückenschmerzen, Sehstörungen, Gleichgewichtstörungen, Schluckauf, Gähnen, Atemnot, Erstickungsgefühl, Neigung zum Weinen, Leibschmerzen, Angstgefühle, Bauchschmerzen, Harn- und Stuhlabgang, Glieder- und Gelenkschmerzen, Erröten, Frieren, kalte Füße, Hitzewallungen, Taubheitsgefühle, vermindertes sexuelles Bedürfnis oder Erregbarkeit.

Vorboten einer Migräne

Unabhängig von der Aura gibt es auch Vorboten einer Migräne mit Stimmungsschwankungen wie beispielsweise auffallende Heiterkeit oder Umtriebigkeit bis zu Trägheit, Teilnahmslosigkeit und Müdigkeit.

Behandlung der Migräne

In der medikamentösen Behandlung gibt es für die akute Migräne sehr wirksame Substanzen; ebenso gegen chronische Migräne. Hier muss der Arzt konsultiert werden.

Nichtmedikamentöse Behandlung: Ruhe und Abschirmung insbesondere von Licht und Lärm. Hinlegen in abgedunkeltem Raum mit Kälteanwendung an Stirn und Nacken mit einem Lappen oder mit „Eisbrillen“.

Physikalische Methoden sind nur vorsichtig anzuwenden. Vorsichtige Lymphdrainage oder Massage des Gesichts und des betroffenen Kopfteils kann Linderung bringen, kann aber auch verstärken. Insbesondere Dehnung der Hals- und Schultergürtelmuskulatur kann verstärken, nur selten bessern.

Vorbeugende Migränebehandlung: Mit physikalischen Methoden wie Massage, Gymnastik, Jogging und Schwimmen. Auch Entspannungstraining nach Jacobsen (Relaxationstraining). Autogenes Training und Bio-Feedback-Methode helfen. Joga, Shiatsu und andere alternative Methoden haben bei der vorbeugenden Migränebehandlung häufig einen guten Effekt. Wichtig ist bei der nichtmedikamentösen vorbeugenden Migränebehandlung das Führen eines Migräne-Tagebuchs oder -Kalenders, um auslösende Faktoren zu erkennen und diese dann zu meiden.

Migränepatienten zeigen oftmals eine gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Stress. Konfliktsituationen im Beruf und Familie, Ehe, Sexualität sollten gelöst werden (psychotherapeutische Verfahren, Verhaltenstherapie).

Literatur

  • Migräne von H. C. Diener und V. Limmroth, S. 3-18. In: Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen. 3. Auflage, Hrsg. Brandt, Dichgans, Diener.2003, Kohlhammer Verlag
    ISBN 3-17-017926-8
  • Migräne, eine Informationsbroschüre für Patienten der Firma Dolorgiet GmbH und Co KG, Otto v. Gehrike-Str. 1, 53574 St. Augustin-Bonn
  • Schmerzsyndrome des Kopf- und Halsbereichs. Hrsg. Paulus und Schöps, Wissenschaftliche Verlagsges.mbH. Stuttgart, 1998, S. 19-50
  • Pfaffenrath, Volker: Der chronische Kopfschmerz: Spannungskopfschmerz und Schmerzmittelmissbrauch. 3. Auflage, Arcis Verlag München, 1992
    ISBN 3-89075-014-1
  • Ensink, F.B.M; Sokya, D. (Hrsg.): Migräne: Aktuelle Aspekte eines altbekannten Leidens. Springer Verlag 1994. ISBN 3-540-55760-1
  • Peikert, Andreas: Kopfschmerzen verstehen und erfolgreich behandeln.
    Stuttgart TRIAS. Georg Thieme Verlag 1997. ISBN 3-89373-402-3

Links

Autor: Prof. Dr. med. K. P. Westphal (Copyrighthinweis)